Carlo Steeb Leben und Wirken von
Carlo Steeb

 

Carlo Steeb wurde am 18. Dezember 1773 in Tübingen geboren und in der Tübinger Stiftskirche auf den Namen Johann Heinrich Karl getauft.

Stiftskirche in Tuebingen Seine Eltern, Johann Heinrich Steeb und Christine Elisabeth Immendörfer, beide überzeugte Pietisten, waren Besitzer des Hotels Lamm am Marktplatz, das sich seit über 150 Jahren im Familienbesitz befand. Heute finden wir an dieser Stelle das Evangelische Gemeindezentrum Lamm. Karls Großvater väterlicherseits hatte in Tübingen zahlreiche Ämter inne,Taufstein der Stiftskirche er wurde 1766 zum Bürgermeister gewählt und war Abgeordneter im Stuttgarter Landtag. Als Verwalter der württembergischen Schäferei waren die Steebs auch im Wollhandel tätig. Der Vater betrieb zudem noch ein Landgut mit Schafhaltung im Schwärzloch, wohin er sich 1797, nach dem Verkauf des Lamm, zurückzog.

Tuebinger RathausVon den sieben Geschwistern Karls starben sechs bereits in frühester Kindheit, nur die 11 Jahre jüngere Schwester Henriketta Wilhelmine überlebte, blieb aber kinderlos, so dass es heute keine direkten Nachfahren der Familie Steeb mehr gibt.

Geprägt durch diese harten Schicksalsschläge wurde der Vater als strenger, verbitterter Mensch beschrieben. Er war gebildet und unterhielt vielfältige Handelsbeziehungen. Unter dem Einfluss der feinfühligen, warmherzigen Mutter entwickelte sich Karl zu einem nachsichtigen, verständnisvollen Menschen, der sich durch Geduld und Großmut auszeichnete.

2. Haus von links: ehemaliges Hotel Lamm, Tuebingen Nach dem Besuch der berühmten humanistischen Schule Tübingens, des Anatolicums am Österberg, wurde Karl von seinem Vater zur weiteren Ausbildung 1789, d.h. mit erst 16 Jahren, allein nach Paris geschickt. Er sollte das Geschäftsleben kennen lernen, Kontakte zu Handelspartnern knüpfen und seine Sprachkenntnisse verbessern. Dort erlebte er auch die Anfänge der Französischen Revolution, distanzierte sich aber vom sozialrevolutionären Rausch und der Gottlosigkeit der Massen. Durch die tragischen Ereignisse fühlte er sich 1791 gezwungen, in die Heimat zurückzukehren.

Blick auf Verona Der zweite Auslandsaufenthalt führte Karl 1792 nach Oberitalien, genauer gesagt nach Verona, da sich hier zahlreiche Textilbetriebe mit ausgezeichnetem Ruf befanden. Der Vater pflegte schon seit Jahren freundschaftliche Beziehungen zu einigen Veroneser Firmen und so fand Karl sowohl Unterkunft als auch Arbeit bei Geschäftsfreunden. Die Mutter jedoch hatte große Bedenken. Sie fürchtete den katholischen Einfluss, der gerade in Verona besonders spürbar sein sollte und nahm dem Sohn das Versprechen ab, den Verlockungen zu widerstehen und seinem protestantischen Glauben unbedingt treu zu bleiben.

Neben seiner kaufmännischen Tätigkeit nahm Karl Italienischunterricht bei einem der besten Lehrer Veronas und sprach bald fließend Italienisch und Französisch. Dieser Lehrer sowie einige andere gute Freunde, die Karl seit einer Ankunft in Verona kennen gelernt hatte und die allesamt Priester waren, brachten ihn erstmals in Kontakt mit dem katholischen Glauben.

Die Aufrichtigkeit, mit der die Freunde ihren Glauben lebten, die gezeigte Nächstenliebe, derPiazza Bra - der größte Platz Veronas Dienst an Armen und Kranken, in dem einer der Freunde aufging, hinterließen einen tiefen Eindruck. Die Zurückhaltung und der Respekt gegenüber seiner Andersgläubigkeit - das alles brachte Karl ins Zweifeln. Seine Mutter hatte den katholischen Glauben sehr negativ dargestellt. Doch durch seine Freunde, die überzeugte Katholiken waren, ohne andere bekehren zu wollen, spürte er einen Widerspruch zu den Warnungen der Mutter.

Piazza delle Erbe - das historische Herz Veronas Er beschäftigte sich daraufhin intensiv mit Werken zum katholischen Glauben, vertiefte diese neuen Sichtweisen in der Begegnung mit Geistlichen und bekam so ein ganz neues Bild vom Katholizismus. Dazu kam die offene, gläubige Atmosphäre in Verona, die katholische Lebendigkeit dieses Ortes, die ihren Einfluss ausübte: Karl war sowohl intellektuell als auch gefühlsmäßig überzeugt, zum Katholizismus überzutreten. Das war bereits im September 1792, d.h. im Jahr seiner Ankunft in Verona. Er wusste, dass die pietistischen Eltern dies als Beleidigung auffassen würden und tatsächlich wurden seine schlimmsten Befürchtungen wahr. Die Familie brach den Kontakt zu ihm vollständig ab, er wurde verstoßen und enterbt, Geburtsurkunde und Taufschein wurden ihm vom Elternhaus verweigert. Nun war er völlig mittellos und ohne Familie, seine zahlreichen Freunde in Verona aber halfen ihm über den Verlust hinweg.

Piazza delle Erbe Von nun an nannte er sich "Carlo", studierte Theologie und wurde 1796 – im Alter von 23 Jahren – zum Priester geweiht.

Währenddessen erlebte Verona politisch unruhige Zeiten. Napoleon führte im habsburgischen Oberitalien jahrelang Krieg gegen Österreich, Verona wurde mehrfach besetzt und geplündert, wurde Lazarettstadt und musste massenhaft kranke und verwundete Soldaten aufnehmen. Carlo wurde als Dolmetscher und Beichtvater ins Lazarett gerufen, um den verwundeten und verzweifelten, jungen Soldaten beizustehen, die unter unmenschlichen Bedingungen dahinsiechten. Hier fehlte es an allem, an Betten, Nahrung, Verbandszeug, Arzneien und auch an Helfern. Carlo - selbst erst 24 Jahre alt - übernahm daraufhin auch Pflegedienste.

die Kapelle (bzw. heutige Ruine) des Lazaretts Sanmicheli Das war für einen Priester zu jener Zeit überhaupt nicht üblich, aber hier scheinen seine protestantischen Wurzeln, der Geist seiner Erziehung, sichtbar zu werden. Die Mutter lebte ihren Glauben praktisch in der Liebe zu den Armen. Ihre Güte und Wärme, ihr Verständnis und die karitative Haltung brachte Carlo nun ins Lazarett. Er arbeitete oft bis zur Erschöpfung - insgesamt sollte dieser Einsatz 18 Jahre lang dauern! Während einer Epidemie infizierte er sich mit Flecktyphus und war bereit zum Sterben, doch soll sein geistiger Leiter seinerzeit prophezeit haben, dass dies noch nicht seine Stunde sei und Gott noch größere Dinge von ihm erwarten würde.

Darüber hinaus unterrichtete Don Carlo an verschiedenen Schulen Deutsch und Französisch und war als Professor am Veroneser Priesterseminar tätig. Er besuchte Waisenheime und kümmerte sich als Seelsorger um die Menschen in den Armenvierteln von Verona.

Piazza delle Erbe: links das Haus der Familie Poloni bzw. das Geburtshaus von Luigia Poloni Mehrfach machte er den Versuch, eine Schwesterngemeinschaft zu gründen. Dieser Wunsch reifte in ihm angesichts der Not, die er in den Militärhospitälern von Verona gesehen hatte. Er war davon überzeugt, dass mitfühlende Freiwillige, die bereit waren, ihr Leben in den Dienst der Notleidenden zu stellen, also Pflegerinnen, die sich für diese Tätigkeit wirklich berufen fühlten, besser für die Kranken sorgen würden, als gleichgültige Lohnempfänger.

Luigia Poloni In Luigia Francesca Poloni fand er die Frau, die ihn dabei maßgeblich unterstützte. Luigia wurde am 26. Januar 1802 in Verona geboren. Sie war das jüngste von zwölf Kindern einer Apothekerfamilie. Neun Geschwister starben bereits in jugendlichem Alter. Luigia arbeitete in der Apotheke und beaufsichtigte zahlreiche Nichten und Neffen. Nach dem frühen Tod des Vaters führte sie viele Jahre lang den großen Haushalt der Familie (dazu gehörten auch die Haushalte ihrer beiden Brüder), kümmerte sich um die Verwaltung des landwirtschaftlichen Betriebes und der Weberei - beide im Familienbesitz - und besuchte regelmäßig das Armenhaus (Ricovero).

Carlo Steeb 1821 lernte sie Carlo Steeb kennen und wählte ihn als ihren Beichtvater. Carlo hatte schon länger den Traum, eine Schwesterngemeinschaft zu gründen. Luigia war fest entschlossen, Nonne zu werden, sobald ihre familiären Verpflichtungen es zulassen würden.

Am 02.11.1840 gründeten die beiden schließlich nach vielen Schwierigkeiten gemeinsam ihr l'Istituto "Sorelle della Misericordia" di Verona (den Orden der "Schwestern der Barmherzigkeit"). In diesem Jahr übernahm Luigia Poloni zusammen mit 3 anderen Frauen den Krankendienst der Frauenabteilung im Armenhaus (Ricovero), später auch im Spital von Verona.Ricovero (Armenhaus) in Verona Anfangs lebten die Schwestern unter ärmsten Verhältnissen, misstrauisch beobachtet vom Inspektor des Hauses. Doch sollte diese Skepsis schon bald der Bewunderung für den liebevollen Dienst an den Kranken weichen.

Im Frühsommer 1842 wurde das erste Haus für die Gemeinschaft gemietet. Das durch den Tod seiner Schwester Wilhelmine (1839) ihm zufallende restliche elterliche Erbe versetzte Don Carlo 1844 in die Lage, das erste Haus für die Schwesterngemeinschaft zu kaufen. Später sollte noch eine eigene Kapelle folgen. Am 10.09.1848 erhielt die Gemeinschaft die kirchenrechtliche Anerkennung durch den Bischof von Verona, 13 Schwestern legten daraufhin ihr Gelübde ab. Am 05.06.1850 folgte die päpstliche Bestätigung.

das heutige Mutterhaus der Sorelle della Misericordia in der Via Valverde, Verona Doch schon wenige Jahre später musste die Schwesternschaft ohne ihre Gründer auskommen: am 11. November 1855 starb Luigia Poloni unerwartet mit nur 53 Jahren, ihr folgte Carlo Steeb im Alter von 83 Jahren am 15. Dezember 1856.

In den darauf folgenden Jahren übernahmen die Schwestern immer mehr Aufgaben. Sie wurden in verschiedene Krankenhäuser in der Umgebung von Verona gerufen und arbeiteten in Altenpflegeheimen. Wichtig war ihnen auch die Erziehung und Ausbildung armer Mädchen: sie führten etliche Volks- und Haushaltungsschulen, kümmerten sich um Waisenhäuser und halfen in Gefängnissen mit. Später eröffneten sie zwei Schulen für Krankenpflege in Verona, arbeiteten in Heimen für körperlich und geistig Behinderte und führten Kindertagesstätten und Kindergärten. Neben der Alten- und Krankenpflege nahm die Gemeinschaft ganz bewusst auch Erziehungs- und Bildungsaufgaben wahr.

der Innenhof des Mutterhauses in Verona Während Carlo Steeb in seiner Heimatstadt lange ein Unbekannter war, wurde er in Italien als Ordensgründer hoch verehrt und galt schon zu Lebzeiten als "Samariter von Verona". Er wurde am 6. Juli 1975 durch Papst Paul VI selig gesprochen.

Der Auftrag der Gemeinschaft war es, für die Schwächsten der Gesellschaft verfügbar zu sein und ihnen durch Zuwendung die Möglichkeit zu geben, ihre Randexistenz zu verlassen. Da Kinder in unserer Gesellschaft ihre Rechte nicht selbst einfordern können, muss auch ihnen besondere Aufmerksamkeit, Schutz und Zuwendung zuteil werden. Diese Haltung trägt und motiviert noch heute die Arbeit hier im Kinderhaus.

Wappen des Ordens, Symbole: Feuer (Liebe), Kreuz (Leben), Palmzweig (Opferbereitschaft), Lorbeerzweig (Verdienst)Beim Tode Steebs bestand die kleine Gemeinschaft aus 64 Schwestern, doch sie breitete sich schnell aus und zählt mittlerweile etwa 1200 Schwestern, die weltweit in circa 200 Niederlassungen tätig sind. Der Schwerpunkt der Arbeit liegt in Italien mit über 100 Häusern. Einzelne Gemeinschaften finden sich in Portugal, in der Schweiz, sowie in Afrika (Tansania, Angola und neuerdings in Burundi) und in Lateinamerika (Argentinien, Brasilien und Chile). In Deutschland finden wir die Schwestern in Berlin und in Tübingen.

In Tübingen ist der Orden seit 1954 vertreten: hier wurde das Carlo-Steeb-Heim für Studentinnen und ein Kindergarten – das heutige Kinderhaus – an der Hechinger Straße eröffnet. Ein Jahr später folgte das Luise-Poloni-Heim (ein Altenheim, das sich seit dem Jahr 2000 in anderer Trägerschaft befindet) und die Carlo-Steeb-Gedächtniskirche (St. Petrus) in Lustnau.

Um dem Auftrag ihres Gründers treu zu bleiben, ist es für die Schwestern heute wichtig, ihre Aufgaben immer wieder neu zu definieren und sich den ändernden Bedürfnissen der Gesellschaft zu stellen. Die Schwestern werden von ihrem Orden dahin geschickt, wo Menschen in Not sind und ihre Hilfe gebraucht wird. So kam schon bald die Arbeit in notleidenden Ländern, in den Elendsvierteln der sog. Dritten Welt dazu sowie in letzter Zeit die Sorge um moderne Armut bei uns.

 

Literatur:

PRONZATO, ALESSANDRO: Carlo Steeb. Der Samariter von Verona. Ostfildern: Schwabenverlag 1990.

PRONZATO, ALESSANDRO: Eine Null mit Herz. Das Leben des Karl Steeb. Aschaffenburg: Paul Pattloch Verlag 1975.

TÜCHLE, HERMANN: Carlo Steeb. Der Samariter von Verona. Stuttgart: Schwabenverlag 1968.

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